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Reise nach Jerusalem 2017

Ein Reisebericht zur ZinzendorfExkursion von Dr. med. Friedemann Taut, Konstanz

Noch eine Stunde bis zum Aufbruch. Eine Woche Jerusalem liegt hinter uns. Die letzten Schekel wurden im Suq gegen Keramik eingetauscht, gerade noch so geht der Rollkoffer zu. Bei den Kleinen Schwestern Jesu an der fünften Station der Via Dolorosa erstand ich noch gegen einige Euro ein paar kleine "Ikonen", auf Holz aufgezogene Bilder biblischer Szenen nach Art der naiven Malerei. Mitten in der Altstadt, auf der Terrasse des Johanniter-Hospizes (JoHo) über den Dächern Jerusalems, sitze ich und beginne diesen Bericht zu scheiben, während die Muezzine noch einmal zum Abschied um die Wette rufen.

Roland Werner (Marburg) sammelte sieben Männer, Peter (südliches Ruhrgebiet), Olaf (Thüringen), Daniel, Marcus, Tobias (aus verschiedenen Ecken Hessens), sowie Frank und mich (Schwaben), zwischen Mitte dreißig und Anfang sechzig, um mit uns einzutauchen in diesen Brennpunkt der Religionen und Kulturen, aber auch um uns ins gemeinsame Nachdenken über unser Leben und unseren Glauben zu führen.

Mittwoch, 4. Oktober (Anreisetag)

Am Flughafen Zürich ist die Gruppe komplett. Über die Alpen, den Balkan und das östliche Mittelmeer fliegen wir in vier Stunden nach Tel Aviv, und das Sammeltaxi (Sherud) bringt uns ans Jaffa-Tor von Jerusalem. Mit den Rollkoffern über die gepflasterten Gassen und an den Händlern vorbei erreichen wir die Oase des Johanniter-Hospizes an der 8. Station der Via Dolorosa, seit den 1990er Jahren geführt von Mitarbeitern des Christus-Treffs Marburg als Gästehaus und Begegnungszentrum.

Schon am Abend der Ankunft gut versorgt und bekocht von Elsa und Michael Mohrmann samt deren Team von drei Volontären, ziehen wir gleich los und beginnen unsere Expedition in diese andere Welt - durch die nächtlichen Gassen mit den Basaren, dem Lärm, dem Schmutz und den Gerüchen. Wir sind im Orient! Wir sehen Reste der alttestamentlichen Stadtmauer, wir erkennen, wie die römische Hauptstraße, der Cardo, verläuft, angelegt unter dem römischen Kaiser Hadrian um 135, der aus den Trümmern Jerusalems die Garnisionsstadt Aelia Capitolina aufbaute. Noch heute verläuft eine Hauptachse entlang der Cardo-Trasse quer durch die Stadt.

An der Westseite des Tempelbergs angelangt erleben wir, wie die Juden an der Klagemauer den Beginn des Sukkot, des Laubhüttenfestes, feiern. Für Israel-Neulinge durchaus beeindruckend, wie die verschiedenen Gruppen des orthodoxen Judentums in ihrem jeweiligen Ornat dort feiern, in hellen oder schwarzen Roben, mit Kippas, Hüten, oder Pelzzylindern auf dem Kopf. Über die vergangene Woche hin erlebten wir die Steigerung dieses Festes bis zum Abreisetag, ein Kommen und Gehen der Juden durch die Altstadt zur Klagemauer.

Dorthin bringen sie ihre Palmen-, Bachweiden- und Oliven-Zweige (eingepackt in standardisierte praktische Plastikhüllen) sowie die Zitrusfrucht Etrog zur priesterlichen Segnung. Ebenso waren natürlich überall die Sukkas (Laubhütten) aufgebaut, von den Balkonen in Mea Shearim bis hin zu den Cafés der modernen Mamilla-Einkaufszeile in der Nähe des Jaffa-Tores.

Donnerstag, 5. Oktober

Gegen halb fünf Uhr erfreut uns der Muezzin mit seinem Gebetsruf. Wer kann, dreht sich nochmals um und schläft weiter, denn erst um 8:15 Uhr feiern wir die tägliche gemeinsame Morgenandacht, gefolgt vom reichhaltigen Frühstück. Unser erster Besuchstag ist dem christlichen Jerusalem gewidmet, beginnend mit dem russisch-orthodoxen Konvent, wo vom Eingangsbereich der von den Persern 614 zerstörten byzantinischen Grabeskirche noch einige Steinstufen zu sehen sind. Sodann steigen wir auf den Turm der Lutherischen Erlöserkirche, von wo wir den ersten Überblick über die Stadt bekommen. Justina in der Syrisch-Orthodoxen Kirche berichtet uns beeindruckend von ihrem persönlichen Pfingstwunder und singt das Vaterunser auf Aramäisch. Nicht ausgeschlossen, dass sich unter der Kirche das Obergemach des letzten Abendmahls befindet. Die Stadt wächst ja über die Jahrtausende stets in die Höhe, so dass man dorthin heute nach unten steigt.

An diversen Patriarchats-Palästen vorbei schauen wir kurz in die Dormitio-Abtei außerhalb des Zions-Tores und essen dann beim Araber auf der Dachterrasse im Muristan-Viertel zu Mittag. Roland erklärt uns, welchen Religionen die Bevölkerungsanteile der Region über die letzten zwei Jahrtausende angehörten, und dass es natürlich auch palästinensische Einwohner gibt, die seit knapp zweitausend Jahren bzw. seit der Christianisierung des Römischen Reiches als Christen hier leben und deren Vorfahren unter anderem zur damaligen jüdischen Bevölkerung gehört haben werden. Die Mehrheit ist freilich im Laufe des letzten Jahrtausends zum Islam übergetreten. Der Schwund der christlichen palästinensischen Minderheit geht immer weiter, unter anderem durch Auswanderung.

Die heutige Grabeskirche, in der alle Denominationen ihre Nische haben, und die die Reste von Golgotha sowie das einen Steinwurf entfernte Grab umschließt, lässt durch die Masse der Pilger und Touristen kaum andächtige Erbauung zu.

Der Nachmittag steht zur freien Verfügung. Ich umwandere die Altstadt außerhalb der Mauer vom Damaskustor bis zum Löwentor. Hinter den wenig gepflegten arabischen Grabfeldern kann ich hinter dem Kidrontal auf den Ölberg blicken. Innerhalb der Mauern führen dort die Gassen ebenerdig auf den Tempelberg; allerdings muss ein flüchtiger Blick durch die Tore genügen, denn die schwer bewaffneten israelischen Soldaten erklären, dass hier der Zugang nur palästinensischen Muslimen gestattet sei; Touristen könnten ab Sonntag wieder um 7:30 Uhr über den Steg an der Westmauer eintreten.

Jeden Donnerstag Abend findet im JoHo der Jerusalemer Ableger des Christustreffs statt. Einige vor allem junge Leute, Mitarbeiter in diversen christlichen Werken der Stadt und des Umlandes füllen den Raum. Roland lässt den Text aus Kapitel 7 des Johannesevangeliums vor dem Hintergrund des Laubhüttenfestes lebendig werden. Die Juden pflegten täglich Wasser aus der Gihon-Quelle am Siloah-Teich zum Tempel hochzutragen und dieses dort über dem Altar auszuschütten. Dieses Bild greift Jesus auf.

Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten.

Freitag, 6. Oktober

Nach morgendlicher Andacht, Frühstück und Besprechung ziehen wir durchs christlich arabische Viertel in Richtung des Neuen Tores los. Die Einheimischen freuen sich immer, uns anzusprechen und sind dann überrascht, wenn Roland sich auf Arabisch mit ihnen unterhält. Ein Mann in unserem Alter, arabischer Christ, gab uns zu verstehen, dass nur noch 1-2% der Palästinenser des Westjordanlandes Christen seien. Viele würden abwandern, weil der Druck der Mehrheitsreligion überhand nehme.

Im "Tower of David" Museum beim Jaffa-Tor wurde für uns die Geschichte Jerusalems im Zug durch die letzten vier Jahrtausende lebendig; zum einen durch die didaktisch hervorragende Ausstellung, vor allem aber durch Rolands lebendige Erklärungen.

Beim Mittagsimbiß in der modernen Mamilla-Mall verlassen wir erstmals wieder die orientalische Welt der Altstadt und finden uns in einem noblen Shopping-Paradies wieder, bevölkert von den Jungen und Reichen und Schönen.

Am Nachmittag ziehen wir die Via Dolorosa hinunter und im Muslimischen Viertel wieder hinauf zur St. Anna-Kirche, einer byzantinischen Basilika mit eindrucksvoller Akustik (wir bilden einen Männerchor). Daneben die Ausgrabungen, die die Hallen und das Zisternensystem belegen, das in Kapitel 5 des Johannesevangeliums bei der Heilung am Teich Betesda beschrieben ist.

Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Wir nehmen uns Zeit, den Ort auf uns wirken zu lassen, einschließlich der tiefen mit Wasser gefüllten Zisternen.

Der nächste Programmpunkt ist eine Multimedia-Ausstellung zu den Steinen Jerusalems, die vertieft, was wir bereits über die Geschichte der Stadt gelernt haben. Vom Dach des Österreichischen Hospizes genießen wir im Sonnenuntergang den Ausblick auf die Altstadt.

Beim abendlichen Austausch im JoHo beginnen wir Männer, von denen sich die meisten vor der Reise noch nie gesehen hatten, einander kennenzulernen. Bis zum Ende unserer Woche wurden wir zu einer brüderlichen Gemeinschaft voll Vertrauen und Freundschaft. Jeder bekam die Gelegenheit, von sich zu erzählen und auch tiefe Fragen und Wünsche dem Nachdenken und Gebet der Brüder anzuvertrauen.

Samstag, 7. Oktober

Die Reise geht mit dem gecharterten Kleinbus hinab Richtung Jericho. Der Fahrer kennt eine Nebenstraße, die uns zu einem beeindrucken-den Aussichtspunkt auf das Georgskloster in der Wüstenschlucht am alten Fußweg von Jerusalem nach Jericho bietet. Erfolglos bieten uns die fliegenden Händler Stoffwaren und einen Eselsritt an. Schon die kurvige Fahrstraße vollends nach Jericho hinunter lässt uns die Geschichte vom Barmherzigen Samariter etwas lebendiger werden.

Wir fahren weiter nach Süden ans Tote Meer und besichtigen die Qumran -Ausgrabungen. Die Vermutungen um rituelle Reinheit der Essener-Sekte lassen sich nachvollziehen, wenn man diese Siedlung mitten in der Wüste mit ihren gut erhaltenen Zisternen und Eintauchbecken durchschreitet. Auch jetzt im Oktober freut man sich an jedem Schluck Wasser und sucht gern den Schatten auf am Ausguck zu den Gebirgshöhlen, wo die wertvollen alten Schriftrollen gefunden wurden.

Massada ist unser nächstes Ziel. Mein Vater musste seinerzeit noch auf den Felsen hochwandern. Zu unserem Glück haben die Schweizer vor 20 Jahren eine Seilbahn gebaut, deren Vorzüge wir gerne beanspruchen. Herodes der Große hatte sich in der Zeit um 20 v. Chr. auf diesem (fast) uneinnehmbaren Felsen einen Palast und eine Garnison samt ausgeklügeltem Zisternensystem und reichen Vorräten an Früchten und Getreide angelegt. Selbst soll er nie dort gewesen sein. Nach der Zerstörung Jerusalems um 70 n. Chr. zogen sich dorthin die Zeloten, die verbliebenen jüdischen Rebellen, zurück und konnten sich mithilfe dieser Jahrzehnte alten Vorräte für drei Jahre vor der römischen Armee verschanzen. Als die Römer schließlich einen riesigen Wall aufgeschüttet hatten, töteten sich die Rebellen gegenseitig, um nicht als Sklaven zu sterben.

Damit war das archäologische Programm geschafft. Wir fahren noch weiter nach Süden in den Badeort Ein Bokek am Toten Meer und steigen über die Salzkristalle am Ufer ins Wasser. Der Auftrieb des Salzwassers beeindruckt uns ebenso wie das schmerzhafte Empfinden der Zunge, wenn man nur die Spitze ins Wasser hält. Die Löslichkeit der Salze in Wasser ist offensichtlich weit überschritten, so dass eine dicke Kruste und große Salzklumpen den Boden des Meeres bedecken.

In rasanter Fahrt am austrocknenden Toten Meer vorbei, die Berge Jordaniens am anderen Ufer im Abendlicht, erreichen wir wiederum Jericho. Der Fahrer bringt uns zu Zachhäus' Maulbeerbaum ☺️ und zum Berg der Versuchung Jesu (Lukasevangelium Kapitel 4), wo gerade rumänische Priester singen und predigen. Im Temptation-Restaurant genießen wir das gemeinschaftliche arabische Essen und kehren voller Erlebnisse zurück.

Sonntag, 8. Oktober

Auf Michael Mohrmanns guten Rat hin stellen wir uns um 7:15 Uhr in die Warteschlange der Besucher des Tempelberges. Wir staunen nicht schlecht, als sich plötzlich eine jüdische Gruppe an uns vorbeidrängt um als erste die Sicherheitskontrollen zu passieren. Plötzlich beginnt ein Disput mit orthodoxen Juden, die auf dem Weg zur Klagemauer sind, mit dieser Gruppe. Auch wir hatten ja gedacht, dass frommen Juden der Gang über den Tempelberg untersagt ist, da sie ja aufs Allerheiligste schreiten und sodann tot umfallen könnten. Später sehen wir einige solcher Gruppen mit Geleitschutz einschließlich schwer bewaffneter Soldaten um den Tempelplatz ziehen. Vermutlich wollen sie so den Anspruch der Juden auch auf diesen Ort dokumentieren.

Wir kommen ohne militärischen Schutz aus, stattdessen mieten wir uns einen Führer, der neben Hinweisen zur Lokalität voller Glück einige Hinweise zu seinem muslimischen Glauben gibt und von Mohammeds Weg in den Himmel und zurück berichtet. Wir sind beeindruckt von der Weite des Tempelplatzes, erhaschen einen Blick ins Innere der Al-Aqsa Moschee, bevor ein Wächter uns rüffelt, staunen über den Glanz und den kunstvollen Schmuck der Außenfassade des Felsendomes im strahlenden Morgenlicht. Man kann sich kaum losreißen von der Schönheit des Ortes, aber wir wollen ja noch rechtzeitig das Frühstück im JoHo erreichen.

Keine fünf Minuten vom JoHo entfernt feiern wir dann mit unseren christlich arabischen Geschwistern Gottesdienst. Sehr herzlich werden wir empfangen, bekannte Anbetungslieder auf Arabisch, die Predigt wird uns per Kopfhörer auf Englisch übersetzt. Und wir wissen: es ist eine kleine Schar.

Mit einem Shawarma (am Spieß gebratenes Hühnerfleisch zusammen mit Salat und Gemüse eingepackt in einen Fladen) in der Hand zieht unsere kleine Gruppe durchs Damaskustor zur Straßenbahn. Wir verbringen den Nachmittag im Yad Vashem Holocaust-Museum. Trotz gewisser Vorkenntnisse, die man ja als Deutscher von diesen Dingen hat, wurden wir alle tief emotional getroffen. Wir ließen uns Zeit, zu viel Zeit, und zur Schießung um 17 Uhr hatten wir erst die Hälfte der Ausstellung hinter uns. Ein weiterer guter Grund, nach Jerusalem zurück zu kommen.

Die mächtigen Eindrücke des Tages bringen wir abends in unseren persönlichen Austausch im Ölbergzimmer des JoHo ein.

Montag, 9. Oktober

Mit dem öffentlichen Bus fahren wir ins Westjordanland nach Beit Jala um Life Gate (lifegate-reha.de) zu besuchen, ein christliches Zentrum für Kinder und Jugendliche mit körperlicher und geistiger Behinderung. Über etwa 30 Jahre hat Burghart Schunkert diese bewundernswerte Arbeit mit zahlreichen Helfern unter oft schwierigsten Bedingungen aufgebaut. Maria, ausgebildete Krankenschwester und leitende Mitarbeiterin bei Life Gate, führt uns durch das 2012 errichtete mehrstöckige Gebäude und zeigt uns die Kindergruppen, Schulklassen, Werkstätten und Versorgungseinrichtungen. Etwa 90 behinderte Kinder erhalten hier Frühförderung oder einen Schulplatz, etwa 30 Jugendliche einen Ausbildungsplatz. Dass man hier insbesondere christlichen Fachkräften aus der Region einen sicheren Arbeitsplatz bieten kann, schenkt diesen eine Perspektive, in ihrer Heimat bleiben zu können, wo zahlreiche Benachteiligungen oft zu beschwerlichen Umständen führt. Die Ingenieure in unserer Männergruppe entdecken sofort Ansätze, wo beim Ausbau insbesondere der Installationen mittelfristig Unterstützung geboten werden könnte.

Der touristische Teil des Tages führt uns ins benachbarte Betlehem, zur Geburtskirche. Die von Helena, der Mutter Kaisers Konstantin des Großen (Kaiser seit 313 v. Chr.) gebaute Basilika wurde anders als die Grabeskirche in Jerusalem zwar nicht von den Persern zerstört, aber eine umfassende Renovierung behindert den Raumeindruck. Eine orthodoxe Messe dürfen wir nur von weitem erleben, denn wir stehen in der Menschenmenge, die den engen Abgang zum vermuteten Geburtsort Jesu hinuntersteigen möchte. An einer zweipoligen Lüsterklemme mit blanken Drahtenden hängt die Metallfassung der Glühbirne, die den Eingang beleuchtet. Unsere Elektro-Experten sind nicht begeistert. Wer möchte, kann unter einem Altar einen silbernen Stern berühren, wo Jesus geboren sein soll. In der benachbarten katholischen Kirche besichtigen wir das Höhlensystem, das uns eher noch einen besseren Eindruck von der möglichen Geburtsstätte Jesu gibt. In Stein gehauene Räume für Tiere mit Tränken sollen auch Rückzugsort des heiligen Hieronymus gewesen sein, der auf Bitten des Papstes um 400 die Vulgata, also die lateinische Übersetzung der Bibel, erstellte, um die zahlreichen auf lateinisch vorhandenen Einzelteile durch einen gemeinsamen Standard zu ersetzen.

Bei der Rückfahrt im Bus erleben wir, wie an der Grenze zwischen Westjordanland und israelischem Gebiet alle Palästinenser zur Passkontrolle aussteigen müssen. Soldaten kommen in den Bus und vergewissern sich, dass nur noch Touristen sitzen geblieben sind.

Zurück in Jerusalem essen wir in einem italienischen Restaurant in der Neustadt und spazieren dann zum Independence Park, wo Christen aus Deutschland und messianische Juden zahlreiche Laubhütten gebaut haben und unter diesen mit ihren Familien in Zelten campen. Am amerikanischen Generalkonsulat vorbei schauen wir kurz ins vornehme YMCA-Hotel hinein. Gegenüber, im ersten Haus am Platze, dem King David Hotel, gönnen wir uns alle noch ein abendliches Bierchen. In der Lobby des Hotels ist in den Fußboden eine lange Reihe von hellen Platten eingelassen, die die Unterschriften der prominentesten Gäste tragen - ein Who’s Who der Welt- und Nahostpolitik der letzten Jahrzehnte.

Dienstag, 10. Oktober

Da wir seit dem Ruf des Muezzin vor Sonnenaufgang ohnehin nicht mehr schlafen können, stehen wir beiden im „Prophetenzimmer“ sehr früh auf. Frank geht zum Beten vor die Stadt, ich möchte nochmals auf den Tempelberg. Vom Steg zum Marokkotor schaue ich hinunter und sehe eine noch größere Zahl von Juden, die an der Westmauer beten, am frühen Morgen. Das Fest geht seinem Höhepunkt entgegen. Wieder vorbei an den schwer bewaffneten Soldaten am Eingang zum Tempelplatz, wieder die jüdischen Gruppen, die umgeben von Wächtern und zusätzlichen Soldaten mit Maschinengewehren. Ich umschreite den Platz, vorbei an den Klassenzimmern der arabischen Schule an der Nordseite, auf die Mauer gegenüber dem Ölberg, durch den Olivenhain. Vor dem Felsendom komme ich mit Samer ins Gespräch, einem palästinensischen Wächter.

Er versichert mir, dass es nur die großen Politiker sind, die Streit und Kampf wollen, ansonsten wären doch alle sehr locker, und er persönlich hätte nichts dagegen, wenn auch Christen den Felsendom von innen sehen könnten. Er hat fünf Kinder, ich vier, und wir waren uns völlig einig, dass keiner seine Kinder im Krieg sterben sehen möchte.

Die Gruppe hatte ja angefragt, an diesem letzten Tag die Jesus-Bruderschaft in Latrun zu besuchen, was uns freundlicher weise ermöglicht wurde. Ein öffentlicher Bus bringt uns dorthin, und wir werden liebevoll von den alt gewordenen Brüdern und ihren Mitbewohnern aufgenommen. Wo einst Richard Löwenherz eine Kreuzritter-Burg baute (eindrucksvolle Reste mit zahlreichen erhaltenen kellerartigen Räumen aus Steingewölben sind oberhalb zu besichtigen), bewirtschaftet die Bruderschaft eine parkartige Oase mit Zitronen- und Olivenhainen, pflegt aber insbesondere eine geistliche Gemeinschaft und lädt Gäste zu stillen Tagen und Seminaren ein. Zwischen Beit Jala im Westjordanland, dem JoHo in Jerusalem und Latrun besteht eine enge Verbindung und ein geschwisterlicher Austausch.

Nachmittags zurück in Jerusalem darf jeder noch seinen Interessen nachgehen. Ich ziehe durch Mea Shearim, das Viertel der orthodoxen Juden, und finde die Erzählungen von beengten und einfachen Verhältnissen bestätigt. Große Familien auf den Straßen, drei große Kinder die jedes ein kleines Geschwisterchen im Kinderwagen schieben, wieder die verschiedenen traditionellen Gewänder und Kopfbedeckungen der Männer, wie sie uns auch in der Altstadt immer wieder begegnet sind, viele Frauen mit Perücken („Scheiteln“), und Plakate an den Wänden, die zuwandernde Juden bitten, nicht die Immobilienpreise nach oben zu treiben. Der von einer englischen Gesellschaft schön angelegte Park des Gartengrabes bildet danach einen wohltuenden Kontrast.

Noch einmal werden wir von Elsa Mohrmann samt Team liebevoll bekocht, und ein besonderer Gast erzählt uns über seine Arbeit: Prof. David Trobisch, führender Experte für neutestamentliche Handschriften, soll ebensolche in Jerusalem sichten und schaut für ein Stündchen im JoHo vorbei. Er ist maßgeblich beteiligt, das neue Bibelmuseum in Washington, DC, USA, aufzubauen.

In der abschließenden Männerrunde wird klar, dass wir nach einer Woche gemeinsamen Lebens in Jerusalem ein Stück weiter gekommen sind, in unserem Verständnis der örtlichen Umstände biblischer Erzählungen, in unserem Verständnis der Geschichte und Religionen, und insbesondere auch gestärkt in unserem Fokus auf den kommenden Abschnitt unseres Lebens, den wir getragen von Christus in Verantwortung für unsere Mitmenschen angehen werden.

Mittwoch, 11. Oktober (Abreisetag)

Jeder nutzt den Vormittag noch auf andere Weise, und zurück am Flughafen Tel Aviv genießen wir die letzten Momente als Gruppe mit Pizza und Sandwiches, bevor uns das Flugzeug wieder nach Mitteleuropa zurückträgt. Viele Orte des Alten und des Neuen Testaments sind uns lebendiger geworden. Wir sind gespannt, wie sich das auf unser Glaubensleben auswirkt. Wir freuen uns über die gewachsene Verbundenheit unter uns Brüdern im Herrn, und sind voller Dank für das Geschenk von Zeit und Freundschaft, das Roland und das Team im JoHo uns zuteil werden.

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